"Ein trügerischer Sommer" - Portrait einer Lehrerin

In dem Dorf Sünnebeek, hoch oben im Norden, in der Nähe von Flensburg, ist Hildegard Erichs Lehrerin und Vize-Direktorin am dortigen Gymnasium.

Ein Ausschnitt aus meinem Roman "Ein trügerischer Sommer".








Zur Alten Mühle 12


In dem großen und gemütlichen Haus, an ihrem Schreibtisch, raufte sich Hildegard Erichs die Haare und knurrte vor sich hin. Diese Klasse würde sie noch wahnsinnig machen, befürchtete sie. Als Lehrerin und Vize-Direktorin am Sünnebeeker Gymnasium hatte sie schon so einiges erlebt, aber diese Obertertia war schlimmer als alles, was ihr bisher untergekommen war. Bei Tageslicht besehen waren diese Gören ein jämmerlicher Haufen, mit ihren 15, 16 Jahren. Nichts interessierte sie weniger als der Unterricht, stattdessen pubertierten sie heftig. Die Hormone tobten durchs Klassenzimmer, vernagelten ihnen das Gehirn und ließen ihre Aufmerksamkeit auf den absoluten Nullpunkt sinken. Kurz gesagt: es waren Teenager-Monster. Und deren Geschreibsel musste sie nun in mühseliger Kleinarbeit zunächst entziffern und dann benoten.

Frau Erichs war mit ihren 54 Jahren keineswegs eine leicht zu beeindruckende Frau, aber mit Schaudern dachte sie an die Kollegin, die diese neunte Klasse vor ihr unterrichtet und dann aufgegeben hatte. Selbst die Bravsten unter den Braven, Mädchen, die bis dato nur Pferdebilder gesammelt und sogar die „BRAVO“ anstößig gefunden hatten, spürten nämlich auf einmal, dass in ihrem Körper etwas passierte Sie wurden zappelig und aufmüpfig. Die Jungs bekamen einen Bartflaum, wirkten halb-männlich und dennoch merkwürdig ungelenkig. Selbst die bis dahin Besten der Klasse, die Einser-Streber in jedem Fach, lieferten plötzlich Hausaufgaben und Klausuren ab, die schlicht und ergreifend eine Frechheit waren. Zwar musste Hildegard Erichs lachen, als damals ihr verzweifelter Kollege, der Mathelehrer Dr. Rathmann, erbost unter die Arbeit von Anke Jessmann „Wenn es eine Super 6 gäbe als Note – du hättest sie verdient“ geschrieben hatte, aber im Grunde war das nicht wirklich witzig gewesen.

Es war nicht zu leugnen: diese Klasse näherte sich ihrem absoluten Tiefpunkt, denn was bedeutete schon der Unterricht im Vergleich zu den vielen kleinen Schwärmereien und Liebesbriefen, durch die diese Jugendherzen höherschlugen? Wen interessierten da noch lineare Gleichungen, Industrialisierung und Kinderarbeit oder englische Grammatik?

Hildegard Erichs war klar, dass Schüler in diesem Wachstumsstadium eine echte Gefahr für jeden Lehrer waren, der sich nicht zu behaupten wusste. Sie betrachtete sich als Profi, der alles in den Griff bekam – ganz im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin Elisabeth Klimschka. Sicher, sie wusste, dass diese Englischlehrerin sich monatelang einer anstrengenden Zahnbehandlung hatte unterziehen müssen, deswegen Schmerzmittel nahm und daraufhin besonders in den ersten frühmorgendlichen Unterrichtsstunden nicht ganz bei sich gewesen war, aber das hätte man den Schülern ja wohl kaum sagen können– sonst hätten diese pubertierenden Rabauken gar keinen Respekt mehr gehabt. Hin und wieder war Hildegard Erichs auch zu Ohren gekommen, dass die Kollegin Klimschka willkürlich bessere Noten verteilt hatte an Schüler, die sie besonders mochte. Mit diesen ungerechten Bewertungen hatte sie dann schließlich auch die Braven und Schlauen in der Klasse schließlich derartig gegen sich aufgebracht, dass selbst diese Klassenprimusse frech geworden waren und Rache geschworen hatten.

An einem Dienstag war es dann passiert. Sie hatte gerade einen Kaffee in ihrem Büro im Gymnasium getrunken, da war plötzlich die Tür aufgeflogen, eine heulende Elisabeth Klimschka in den Raum gestürzt und hatte gerufen: „Ich halte das nicht mehr aus, ich melde mich mit sofortiger Wirkung krank!“

Nachdem Hildegard Erichs ihr ein Taschentuch gereicht und ein paar besänftigende Worte gesprochen hatte, war es für sie nicht schwer herauszufinden gewesen, was Elisabeth Klimschka so aufgewühlt in ihr Büro hatte platzen lassen.

Im Grunde war es eine dieser typischen Kimschka-Horrorszenarien gewesen:

Die Klasse hatte an diesem Tag die Konditionalsätze lernen sollen, die englischen if-clauses.

„Ich weiß ja, dass das langweilig ist“, hatte die Klimschka geheult, „aber dass die sich derartig aufführen würden…“

Schnell nämlich hatte sie gemerkt, dass ihre Ausführungen von diesen Unfähigen und Desinteressierten mal wieder kaum wahrgenommen worden waren. Daher hatte sie sich an ihre bevorzugten drei, vier Musterschüler gewandt, die bisher stets mit großem Wissen und gutem Benehmen geglänzt hatten. Als nun auch noch diese Wunderwesen die haarsträubendsten Antworten gaben, mittlerweile zehn Schüler unterm Tisch, aber dennoch gut sichtbar „Schiffe versenken“ spielten und Gunnar deutlich hörbar seinem Klassenkameraden Jörg erzählte, dass er mit Carola in der Stadt gewesen sei, war es passiert: Die mittlerweile mit nervösen roten Flecken im Gesicht überzogene Elisabeth Klimschka hatte sich vor Wut und aus Frustration ihren dicken Schlüsselbund geschnappt.

„Und dann habe ich ihn mitten in die plappernden Schüler geworfen“, hatte sie Hildegard Erichs in heller Aufregung vorgejammert. „Ich wollte das ja gar nicht, aber irgendwie…das ist einfach so passiert. Zum Glück konnten die sich alle noch rechtzeitig ducken und keinem ist was passiert, aber was ist denn, wenn die Eltern erfahren, dass ich vorsätzlich Schüler verletzen wollte? Der Teufel ist dann los. Diese Klasse hat mich doch jetzt völlig in der Hand.“

Hildegard Erichs war die Hysterie der Kollegin dann doch langsam etwas auf die Nerven gegangen.

„Wie ging es denn dann weiter?“ hatte gefragt.

„Naja“, hatte Elisabeth Klimschka weinerlich geantwortet, „erstmal waren alle ganz stumm und verblüfft. Ich konnte das nicht so richtig sehen, weil mir alles vor den Augen verschwamm. Und dann bückte sich Britta Asmussen, hob den Schlüssel auf, brachte ihn mir ans Pult und sagte ganz höflich: ‚Ich glaube, Sie haben da was verloren‘. Und dann hat es Gott sei Dank zur Pause geklingelt. Die müssen doch jetzt glauben, ich bin verrückt.“

„Diese kleinen raffinierten Biester“, hatte Hildegard Erichs gedacht, laut jedoch gesagt: „Frau Klimschka, Sie gehen jetzt am besten nach Hause und ruhen sich etwas aus. Ich bespreche mich mit Direktor Bosselmann und dann sehen wir weiter.“

Elisabeth Klimschka hatte noch einmal auf aufgeschluchzt und war dann in das Lehrerzimmer gegangen, um ihre Sachen zu packen. Sie wusste, dass die Schüler sie nicht mochten. Ihr war klar, dass sie oft gereizt und ungeduldig reagiert hatte. Sie musste sich kläglich eingestehen, dass sie nichts mehr tun konnte. Nie wieder würde sie von dieser Klasse als Lehrerin akzeptiert werden. Die Neun B hatte gewonnen.

„Und wenn dann noch aufwallende jugendliche Hormone dazukommen, hat man den Salat“, hatte sich Hildegard Erichs grimmig in ihrem Büro gedacht.

Denn natürlich, anders wäre es auch kaum vorstellbar gewesen, hatten diese ungezogenen Blagen nichts Besseres zu tun gehabt, als diesen Vorfall auf dem Pausenhof herumzuerzählen und deswegen würde Elisabeth Klimschka bei sämtlichen folgenden Schülergenerationen auch nur noch unter dem Namen „die Schlüsselhexe“ firmieren.

Aber das kam später.

Zunächst einmal hatte sich Hildegard Erichs mit ihrem Direktor besprochen.

Mit dem Ergebnis, dass diese Teenager-Rebellion schon am nächsten Morgen schlagartig endete.

Da war dann nämlich statt der „Schlüsselhexe“ Direktor Bosselmann in der Klasse aufgetaucht, hatte eine – von der Klasse kichernd zur Kenntnis genommene – Strafpredigt gehalten und angekündigt, dass ab sofort sie, Hildegard Erichs, die neue Englisch- und Klassenlehrerin sein würde.

Die meisten, so erzählte ihr Bosselmann später reichlich selbstzufrieden, waren bei dieser Bekanntmachung vor Schreck erstarrt.

Sie wusste, warum. Sie kannte ihren Ruf.

Hildegard Erichs.

Der Drachen der Schule.

Die böse Vize-Direktorin.

Die Strenge, die auch schon die schlimmsten Rüpel gebändigt hatte.

Die Humorlose, die jeden bis zum Umfallen arbeiten ließ, selbst in der sechsten Stunde noch.

Sollte diese Brut doch denken was sie wollte!

Hildegard Erichs kannte auch das Gerücht, das über sie kursierte. Die Schüler glaubten, sie habe ein Verhältnis mit Uta Bramsel, der Sport- und Geschichtslehrerin, die übrigens tatsächlich mit ihr zusammenlebte. In einem alten gemütlichen Haus nahe der alten Mühle, wunderschön gelegen, mit einem gepflegt verwilderten Garten. Aber kein Schüler hätte jemals den Mut gehabt, das offen auszusprechen – wie übrigens ganz Sünnebeek nicht. Man hatte sich zu der Überzeugung durchgerungen, dass hier halt – wie in alten Zeiten – zwei Lehrerfräuleins zusammenlebten und in einem männerfreien Dasein mit Hingabe ihren Lehrerpflichten nachkamen. Inoffiziell aber dachte man sich seinen Teil, wie immer in diesem Dorf.

Hildegard Erichs war das nur recht. Ihr Privatleben ging niemanden etwas an.

Und nun sollte sie die neue Klassenlehrerin der Neun B werden.

Sie bot in ihrer ersten Unterrichtsstunde alles auf, was ihre Schüler vermutlich befürchtet hatten.

Sie hatte das Klassenzimmer betreten und den ihr anvertrauten Sauhaufen betrachtet. Der war es offensichtlich nicht anders gewohnt und einfach sitzengeblieben.

Zeit also für das erste Donnerwetter.

„Wenn ich hereinkomme und ‚Guten Morgen‘ sage, dann steht ihr gefälligst auf“, hatte sie mit eisig-schneidender Stimme gesagt. „Was ist denn das für ein Benehmen?“

Und hatte keine Antwort auf diese rhetorische Frage erwartet.

Dann hatte sie den Schülern – sehr gut vorbereitet – einen viertelstündigen Vortrag gehalten über deren Lotterleben, ihre Dummheit, die verpassten Chancen, die sie an dem Gymnasium nicht nutzen würden, und noch über eine ganze Menge anderer Dinge.

Die Klasse hatte da schon etwas betreten vor sich hingesehen.

Dann hatte sie angekündigt, jetzt und sofort einen Test schreiben zu lassen, um herauszufinden, „ob ihr überhaupt etwas gelernt habt in den vergangenen Monaten oder nur Blödsinn im Kopf hattet.“

Elisabeth Klimschka wäre angesichts der aus dieser Bekanntmachung resultierenden bestürzten Ruhe in der Klasse sicherlich vor Neid erblasst – oder gar wieder in Tränen ausgebrochen.

Diesen von ihr abgeforderten Test versuchte Hildegard Erichs jetzt an ihrem Schreibtisch zu korrigieren. Gott sei Dank waren es nur noch knapp fünf Wochen bis zu den Sommerferien, die am 11. Juli beginnen sollten.

Mal ganz abgesehen davon, dass es schwer war, die Handschrift einiger Schüler überhaupt lesen zu können, war sie von dem Ergebnis entsetzt. Die Wissenslücken der Klasse waren geradezu haarsträubend, das wusste sie jetzt. Diese schriftliche Prüfung würde wahrscheinlich als die schlechteste aller Zeiten in die Annalen der Schule eingehen.

Aber ihr Ehrgeiz war geweckt.

Und irgendwie schaffte sie es in den darauffolgenden Unterrichtsstunden tatsächlich, dieser Bande etwas beizubringen. Dabei ging sie nach ihrem bewährten Rezept vor.

Binnen kürzester schaffte Hildegard Erichs es, dass sich die Schüler dumm und unfähig fühlten. Das – gepaart mit der Furcht vor ihrer Strenge und ihrer scharfen Zunge – ließ die meisten anfangen zu lernen, wenn auch ohne rechte Freude.

Zwar gab es noch ein paar renitente Rebellen, aber die bestellte sie dann zu einem kurz-knackigen Vier-Augen-Gespräch in ihr Büro. Danach waren auch diese Schul-Widerständler merkwürdig verwandelt und handzahm. Mit anderen Worten: Die Schüler gaben auf, denn sie spürten, dass ihre neue Klassenlehrerin nicht willens war, sich von einer Meute aufsässiger Jungwiderständler auch nur das Geringste gefallen zu lassen. Sie kapitulierten und lernten etwas ganz Neues: Sie machten plötzlich so etwas Ungewohntes wie Hausaufgaben.

Im Laufe der Zeit wich die Angst der Schüler vor Frau Erichs dann allerdings einem gewissen Respekt. Sie lernten bei ihr eine ganze Menge, denn – das war ihr Anspruch an sich selbst – sie war immer hochkonzentriert und bestens vorbereitet, selbst in der letzten Unterrichtsstunde verlangte sie Höchstleistungen. Nach einiger Zeit und lautem Gestöhne wurde diese Anforderung von den Schülern akzeptiert, denn sie merkten, dass Hildegard Erichs nichts verlangte, was sie nicht selbst zu geben bereit gewesen wäre: Aufmerksamkeit, Interesse an der englischen Sprache und die Freude an Gelungenem. Es war ein fairer Tausch.

Denn dies war ihr das wichtigste Anliegen. Sie hätte es an am liebsten jedem ihrer Schüler zugerufen: „Arbeitet mit eurem Kopf! Dieses Wissen kann euch keiner nehmen. Freut euch, wenn ihr etwas verstanden habt. Trainiert euer Gehirn.“

Gerechtigkeit war ihr ebenso wichtig. Hildegard Erichs konnte selbst hartgesottene Aufrührer durch ihre Standpauken in Tränen ausbrechen lassen, aber gelang einem dieser Unseligen dann einmal eine Sache ganz besonders gut, lobte sie ihn mit einem warmherzigen Lächeln und einem knappen: „Sehr schön. Weiter so!“ Sie beherrsche das Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“ ganz ausgezeichnet, meinte einmal ihre Lebensgefährtin Uta Bramsel schon fast bewundernd.

Zusammen mit ihrem Enthusiasmus und ihrer festen Überzeugung, dass Bildung ein großartiges Geschenk sei, das man Schülern gelegentlich auch mal gegen deren Willen aufzwingen müsse, war das Hildegard Erich ganz eigene Methode.

Und fast alle in der Klasse fingen an, sie zu schätzen und sogar zu mögen. Gunnar sagte einmal in der Pause zu Carola: „Sie kann einem ganz furchtbar auf die Nerven gehen, aber irgendwie hat sie es wirklich drauf. Obwohl ich es eigentlich gar nicht will, freue ich mich direkt auf die Stunden bei ihr.“ Und er begann zu ahnen, warum. Hier ging es nicht zu wie daheim beim Vulkan, wo grundlos geschrien, geschwiegen und gestraft wurde – je nach Lust und Laune. Nein, bei Frau Erichs begriff er, dass alles nebeneinander existieren konnte: Wissen, Fehler, Gelerntes, nicht Begriffenes, Begabtes, Hingeschludertes. Seine Lehrerin konnte ihn kritisieren, ohne gleich sein ganzes Wesen herabzusetzen. Und wenn sie ihn lobte, wie nur sie es konnte, wurde es ihm ganz wohlig in der Magengegend. Er hatte endlich einen Menschen gefunden, der eine klare Linie hatte und bei dem er nicht ständig abwägen und sich vor Reaktionen fürchten musste. Das war es, was er all die Jahre – seit dem Beginn seiner Erinnerungen eigentlich – vermisst hatte: das Gefühl, dass er etwas wert war, dass er lernfähig war. Er fühlte sich angespornt und angenommen.

Diese Fairness und Klarheit waren übrigens auch bei vielen seiner Klassenkameraden zwei weitere Gründe für Hildegard Erichs wachsende Beliebtheit. Waren bei der „Schlüsselhexe“ Zensuren eben oft willkürlich verteilt worden, dachte sie nicht einmal im Traum daran, einem braven Schüler, der eine schlechte Arbeit abgegeben hatte, eine bessere Note zu geben, nur weil er nett war. Ebenso brachte sie es fertig, dem Aufsässigsten in der Klasse die Note 2 oder 1 zu geben, wenn er sie verdient hatte – ganz egal, ob derjenige gerade beim Rauchen auf der Schultoilette oder beim Beschmieren der Tische im Klassenzimmer erwischt worden war. So hatte sie es immer gehalten: Leistung war Leistung, die anderen Sachen wurden separat bestraft. So begannen die Schüler, an ein gerechtes Leistungsprinzip zu glauben, und allmählich machte ihnen der Unterricht wirklich Freude. Für 45 anstrengende Minuten oder auch eine Doppelstunde waren sämtliche Hormone und Liebesbriefchen vergessen – Hildegard Erichs ließ ihnen mit viel englischer Grammatik und interessanten Texten schlicht und ergreifend keine Zeit dazu.

Sie selbst war sich gar nicht immer so sicher, ob sie mit ihrer Art, Schülern etwas beizubringen, richtig lag. Aber in solchen leeren Momenten versuchte sie sich mit der Hoffnung zu beruhigen, dass sie vielleicht tatsächlich die Fähigkeit hatte, Jugendlichen in der Schule das zu geben, was sie ihrer Meinung nach brauchten: ein bisschen Strenge, ein wenig Lob, guten Unterricht, Fairness und Respekt.

All das hatte natürlich seinen Preis.

Die ausgiebige Vorbereitung auf den Unterricht, die tägliche Schlacht um Bildung mit den Schülern, Dienstbesprechungen, zusätzliche Aufgaben als Vize-Direktorin, Elterngespräche, Korrekturen der Klausuren und anderen Prüfungen, das Erstellen von Lehrplänen – Hildegard Erichs erschien das alles manchmal wie ein nicht enden wollender Film, der jedes Mal nach den großen Sommerferien von Neuem aufgeführt wurde. Sicher, sie trat immer diszipliniert und sachlich bei diesen ganzen Veranstaltungen und Aufgaben an, aber es gab Tage, da wühlte sie in der Erde ihres Gartens herum und fragte sich, welcher hinterhältige Trieb sie eigentlich veranlasst hatte, Lehrerin zu werden. Am schlimmsten waren aber eigentlich die Leute hier in Sünnebeek. Wo Hildegard Erichs auch hinkam, immer wurde sie angesprochen von Müttern und auch Vätern. Stand sie gerade in Winklers Lebensmittelgeschäft und überlegte, ob sie nun einen Rinderbraten oder doch eher Hühnerfrikassee zubereiten sollte, trat unweigerlich jemand an sie heran und sagte: „Guten Tag, Frau Erichs. Ich weiß, dass Sie hier gerade am Einkaufen sind, aber ich wollte nur mal schnell mal was wissen wegen unserer Tochter Sonja…“. Dann kamen wahlweise Fragen nach Lernproblemen, einer schlechten Klausur, einer Klassenfahrt, einer Zeugnisnote oder Fehlzeiten im Unterricht. War es da ein Wunder, dass sie ihre Einkäufe häufiger in anderen Orten erledigte, wo man sie nicht als Lehrerin kannte, oder manchen Nachmittag an den Strand flüchtete nach Solitüde oder Glücksburg, wo sie ihre Ruhe hatte? Bei Winklers kaufte sie seit langem nur noch nach dem jeweiligen Zustand ihrer Nerven ein, was übrigens von Frau Winkler im Stillen bemerkt und bestens verstanden wurde. Ihr ging dieses aufdringliche ständige Miteinander ja genau so sehr gegen den Strich. Hildegard Erichs mit ihrer distanzierten Haltung und ihrer Flucht in andere Lebensmittelgeschäfte waren ihr deswegen geradezu sympathisch, Umsatz hin oder her.

Hildegard Erichs betrachtete jetzt die dunkelroten Dahlien. Die Pflanzen in ihrem Garten blühten in diesem Sommer besonders üppig und sahen nach Sommer und Leichtigkeit aus.

Wie lange wollte sie ihren Beruf noch ausüben? Ein paar Jahre lagen mit Sicherheit noch vor ihr. Sie stöhnte leicht auf bei diesem Gedanken. Aber praktisch veranlagt, wie sie war, sagte sie sich, dass ihr Leben doch eigentlich recht passabel sei. Nicht allein, einen sicheren Beruf, beständiges Einkommen, schönes Haus, herrlicher Garten, Lebensgefährtin.

„Passabel“, dachte sie, „wann bitte schön bin ich eigentlich eine passable Person geworden?“

Und dann waren dann so die Momente, in denen sich auch eine Hildegard Erichs durchaus vorstellen konnte, irgendwo und irgendwann noch einmal etwas Unvorhersehbares und Außergewöhnliches zu tun.











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