"Liebe im Schleudergang" - Warum nicht?

Aktualisiert: 18. Mai

69.200 Buchtitel wurden 2020 allein in Deutschland publiziert. Gelingt einem kein Bestseller, bleibt man einer unter vielen. Das mit viel Herzblut verfasste Werk verstaubt in den Regalen. Falls es überhaupt je dorthin gelangt. Schreiben ist zeitraubend, braucht Geduld und ist ohne finanzielle Unterstützung manchmal nicht möglich – Erfolg ungewiss. Sollte man es trotzdem wagen? Ja!



Die gute Nachricht ist: in Deutschland wurden 2021 273 Millionen Bücher verkauft. Das hat Media Control ermittelt. Diese Zahl verteilt sich auf circa eine Million verschiedene Titel. Vom Taschenbuch über Hardcover, von Sachbüchern, Comics, Lebenshilfen und Romanen war alles dabei. Der Markt für ein eigenes Werk scheint also vorhanden zu sein - denkt man sich und macht sich an die Arbeit. Alles andere wird sich dann schon finden. Denn schließlich ist ja die Idee und das Schreiben das Wichtigste - und wenn das Buch gut ist, wird sich schon ein Verlag finden, der es dann veröffentlicht.

Und wenn nicht, kann man das Geschriebene ja im Selbstverlag herausbringen. Hauptsache, es wird veröffentlicht.

Wenn es doch bloß so einfach wäre. Ist es aber nicht.

Der Anfang, die ersten zwei oder drei Kapitel, sind meist recht einfach und schnell geschrieben. Schließlich will da was raus aus einem, etwas, das schon lange zu Papier (oder auf den Bildschirm) hätte gebracht werden sollen. Dann aber gerät man ins Stocken. Wie soll die Handlung weitergehen? Trägt die ursprüngliche Idee überhaupt durch ein ganzes Buch? Sind die Dialoge nicht doch zu schwach? Klingt nicht alles fürchterlich aufgesetzt?

Der Moment der Wahrheit ist gekommen und nun ist es wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein. Es ist wie ein Nadelöhr, durch das man die eigene Kreativität quetschen muss. Unsicherheit schleicht sich ein.

Der Zeitpunkt ist da, alles ein paar Tage liegen zulassen, etwas ganz anderes zu tun, um dann mit klarem Kopf noch einmal die ersten Kapitel zu lesen.

Gefällt einem das Geschriebene immer noch und man merkt, dass es lediglich an einigen Stellen bei der Ausführung hakt: weiterschreiben.

Ist man unzufrieden und hat den Eindruck, nichts, aber auch gar nichts stimmt mit dem Text: aufhören. Wenn es einem selbst schon nicht gefällt, wie sollen es dann wohl andere gut finden?

Schon allein diese Erfahrung, die eigene Arbeit schonungslos auf den Prüfstand zu bringen, ist sehr viel wert und bringt einen voran. Sein eigener Kritiker zu sein, ist nicht immer leicht, führt aber dazu, dass man am Ende hinter seinem Buch steht. Wenn man es denn immer noch fertig schreiben möchte.

Man sollte sich übrigens davor hüten, Halbgares, noch nicht Fertiges, zwecks Meinungsäußerung und Bewertung in fremde Hände zu geben. Lässt man fünf verschiedene Menschen die ersten Kapitel lesen, bekommt man meistens fünf unterschiedliche Meinungen hören. Verwirrung ist aber jetzt nicht zielführend.

Man schreibt weiter. Ächzt manchmal, weil man etwas ausdrücken will und einem nicht das Richtige einfällt. Man sucht nach Wörtern, nach Formulierungen, versucht zu ergründen, was genau man sagen will.

Herrlich! Ja, genau so soll es sein. Durch das Suchen und das langsame Herantasten erweitern wir unseren sprachlichen Horizont, entdecken neue Ideen und können irgendwann weitermachen. Bitte einmal losgelöst durch das Dickicht der Worte tanzen. Das Bild formt sich vor meinen Augen, wie das Buch weitergehen könnte.

Dann, nach sechs Monaten, einem Jahr, vielleicht auch zwei, ist das Werk fertig.

Ach ja, es braucht ja auch noch einen Titel! Welchen bloß? Plakativ? Oder doch lieber etwas, dass eher romantisch-besinnlich klingt? Verdammt, ist das schwierig, einen guten Titel zu finden.

Einfach ruhen lassen. Manchmal fällt einem sowas im Supermarkt an der Kasse ein oder bei der Gartenarbeit oder beim Wäscheaufhängen. Nur kein Druck. Sie und ich sind keine Weltbestseller-Autoren, die einen Ablieferungstermin im Nacken haben und die durch den wartenden Verlag angetrieben werden. Noch nicht - vielleicht

Dann, eines Tages, ist er da, der stimmige Titel. Was für eine Freude, ich bin zufrieden mit mir und halbwegs glücklich. Vielleicht passt "Liebe im Schleudergang"? Warum nicht!

Und jetzt?

Jetzt stellt man fest, dass der schwierigste Teil erst noch kommt. Irgendjemand sollte das Buch professionell korrigieren oder lektorieren. Das kostet Geld und man muss ja auch erstmal jemanden finden, der in diesem Zusammenhang seine Rechnung wert ist. Auf jeden Fall muss investiert werden. Es sei denn, es genügt einem, das Buch in der Schublade liegen zu haben und es Verwandten und Freunden vorzulesen.

Man trifft also eine Entscheidung, was mit dem Buch geschehen soll – und dieser selbstständige Entschluss wirkt belebend, einfach weil ich frei wählen kann, was jetzt weiter passiert. Vielleicht träumt man auch jetzt schon ganz zaghaft von einem eventuellen Erfolg. Fantasie tut immer gut. Das Schwierigste hat man doch wohl hinter sich.

Leider nein.

Man sitzt im besten Fall auf einem lektorierten und nach eigener Meinung guten Manuskript. Kein Verlag will es haben. Keine Literaturagentur will es vermitteln.

War alles umsonst?

Nein. Denn man hat es fertiggebracht, den Weg bis hierhin zu gehen, hat sich gemüht, überlegt, das Gehirn bewegt, etwas geleistet, hat ein Ergebnis, dass auf persönlicher Kreativität beruht – und schon allein darauf kann man stolz sein. Das Schreiben hat mal wieder das gesamte Denken erweitert.

Vielleicht das Buch im Self-Publishing herausbringen?

Vorsicht, Stolperfalle. Wie in jeder Branche gibt es hier gute und weniger gute Verlage. Und es bedeutet gar nichts, wenn ein solcher Verlag das Buch gegen Bezahlung herausbringt, denn die veröffentlichen bis auf wenige Ausnahmen alles, was sich unter zwei Rechtschreibfehlern pro Seite bewegt (falls man keinen Lektor hatte oder ein Korrektorat). Man sollte sich informieren, welcher Self-Publishing-Verlag für einen infrage kommt und überlegen, ob man bereit ist, noch einmal etwas zu investieren. Eine Werbung wie „Endlich werden Sie ihr eigenes Buch in den Händen halten“ sollte einen nicht beeindrucken.

Und dann?

Jetzt liegt es an uns selbst. An unserem Organisationstalent. Und an unserer jeweiligen Persönlichkeit.

Entweder bin ich der Typ, der selbst Lesungen organisiert und sich eigenständig darum kümmert, das Buch bekannt zu machen.

Oder ich bin wirklich zufrieden damit, mein Werk an Geburtstagen zu verschenken und das war es dann.

Vielleicht hatte ich aber doch noch Riesenglück und gehöre zu den Wenigen, die von einem erfolgreichen Verlag genommen wurden? Das soll ja vorkommen. Selten zwar, aber ganz auszuschließen ist es auch nicht.

Mittlerweile sind mit allem Drum und Dran im schnellsten Fall anderthalb Jahre vergangen.

Aber: wir sind drangeblieben, haben umformuliert, neu geschrieben, umgestellt, Krisen gehabt, fanden alles Geschriebene manchmal unwichtig – und haben trotzdem weitergemacht.

Weil wir davon überzeugt sind, Talent zu haben. Wir glauben, dass wir etwas Wichtiges oder einfach nur Unterhaltendes zu sagen haben. Weil wir gute Geschichten und Sprache lieben. Was die anderen zu diesem Weg sagen, ist uns egal. Endlich.

Wir haben uns selbst herausgefordert und haben es geschafft.

Und das ist der Grund, warum Schreiben so etwas unglaublich Wichtiges ist. Es führt uns zu uns selbst. Man lernt, seine Ideen und Gedanken so zu formulieren, dass diese auch von anderen verstanden werden. Manchmal qualmt mir förmlich das Hirn, wenn ich einen Gedanken präzise ausformulieren möchte, denn es ist eine strenge Übung, das Denken nicht einfach zu verwerfen und abzustellen, nur weil es schwierig ist und man nicht den richtigen Dreh hinbekommt. Wieder mal: dranbleiben, zu Ende denken. Nur dann ist es verständlich. Falls es nicht gerade etwas Hochphilosophisches ist oder ein verzwicktes Buch darüber, warum die Relativitätstheorie im Zusammenhang mit der „Zauberflöte“ von Mozart zu sehen ist.

Ob es in der Außenwelt ein Erfolg wird, kann niemand vorhersagen. Alles ist möglich – oder auch nicht.

Aber das, was man geleistet hat, bleibt.

Das Schreiben hat uns gutgetan.

Vielleicht sind wir jetzt keine Berühmtheit der Literatur geworden.

Aber unsere Persönlichkeit hat sich entfaltet.

Besser geht es nicht.








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